ARTIKEL 4 VON 6 · LOKALE WIRTSCHAFT
oder es geht nach Amsterdam
Was in den Artikeln 1–3 am Einzelfall sichtbar wurde — ein Vermieter, ein Rabatt, ein verlorener Vermittler — wiederholt sich tausendfach. Und was im Einzelfall ein paar Hundert Euro sind, wird auf Inselebene zu einer Summe, die La Palma jedes Jahr fehlt.
In Artikel 1 haben wir an einem konkreten Beispiel gezeigt, dass von 672 € Buchungspreis über Booking.com am Ende nur rund 369–376 € beim Eigentümer ankommen. In Artikel 2 haben wir gesehen, dass das Genius-Programm zusätzlich 10–20 % kostet, finanziert vom Vermieter, nicht von Booking.com. In Artikel 3 ging es um den lokalen Vermittler, der die eigentliche Arbeit leistet — und trotzdem leer ausgeht, wenn am Ende doch über die Plattform gebucht wird.
Jeder dieser Fälle für sich ist ärgerlich. Aber das eigentliche Ausmaß zeigt sich erst, wenn man diese Mechanik auf die gesamte Insel hochrechnet.
Eine Rechnung mit echten Eckdaten
| Hinweis zur Methodik: Die Größenordnung der Insel (Anzahl Unterkünfte, Betten, Gesamtumsatz) stammt aus offiziellen Quellen — ISTAC (Instituto Canario de Estadística) und Berichterstattung von ElTime.es. Der Anteil des Umsatzes, der über internationale Plattformen statt direkt oder lokal abgewickelt wird, ist auf Inselebene nicht separat erhoben und bleibt deshalb eine ausgewiesene Annahme. Alles andere in dieser Rechnung sind dokumentierte Werte, keine Schätzungen. |
Nach Daten des ISTAC gab es Ende 2025 / Anfang 2026 rund 1.649 aktive Ferienunterkünfte auf La Palma, mit zusammen etwa 6.024 Betten. Im Oktober — dem letztverfügbaren Monat mit veröffentlichten Umsatzdaten — erzielten diese Unterkünfte zusammen rund 1,62 Mio. € an Beherbergungsumsatz.
Hochgerechnet auf zwölf Monate (eine vorsichtige Vereinfachung, da Oktober nicht zwingend ein Durchschnittsmonat ist) ergibt das einen jährlichen Gesamtumsatz aus Ferienvermietung auf La Palma von grob 19 – 20 Mio. €.
| Hinweis zur Methodik: Das ISTAC weist zusätzlich eine „estancia media‘ (durchschnittliche Aufenthaltsdauer) aus, die für La Palma bei rund 4–5 Nächten liegt. Diese Zahl wird hier bewusst NICHT zur Validierung verwendet: Sie wird pro Buchungsvorgang („reserva‘) berechnet, nicht pro tatsächlichem Gästeaufenthalt. Längere Aufenthalte, die plattformseitig in mehrere Teilbuchungen zerfallen, drücken diesen Wert spürbar nach unten. Die eigenen Buchungsdaten von La-Palma.Travel für 2025 zeigen eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 12,61 Tagen — ein Hinweis darauf, dass die ISTAC-Kennzahl die reale Aufenthaltsdauer insbesondere bei deutschen und niederländischen Gästen (zusammen ein Großteil der Inselgäste) eher unterzeichnet. |
Zur Einordnung der Größenordnung: Bei einem eigenen durchschnittlichen Tagespreis von 86,43 € und einer eigenen durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 12,61 Tagen ergibt sich ein durchschnittlicher Buchungswert von rund 1.090 € pro Aufenthalt. Diese Zahl dient hier nur als Plausibilitätsanker für die Größenordnung einzelner Buchungen — nicht als Hochrechnungsbasis für die gesamte Insel, da andere Vermieter andere Tagespreise und Aufenthaltsmuster haben können.
| Größe | Wert | Quelle |
| Aktive Ferienunterkünfte auf La Palma | ≈ 1.649 | ISTAC / ElTime.es |
| Betten in Ferienunterkünften | 6.024 | ISTAC / ElTime.es |
| Beherbergungsumsatz Oktober (1 Monat) | ≈ 1,62 Mio. € | ISTAC |
| Hochrechnung Jahresumsatz (× 12, vereinfacht) | ≈ 19 – 20 Mio. € | eigene Hochrechnung |
| Durchschnittlicher Tagespreis (eigene Buchungen 2025) | 86,43 € | La-Palma.Travel |
| Durchschnittliche Aufenthaltsdauer (eigene Buchungen 2025) | 12,61 Tage | La-Palma.Travel |
Diese rund 19 – 20 Mio. € sind der jährliche wirtschaftliche „Kuchen“, den die Ferienvermietung auf La Palma insgesamt erzeugt. Die entscheidende Frage ist: Wie viel davon bleibt auf der Insel — und wie viel davon fließt über Kommissionen und Rabatte nach Amsterdam ab?
Der Anteil, der abfließt
Nicht jede Buchung läuft über eine internationale Plattform. Ein Teil der rund 2.000 Unterkünfte wird direkt, über lokale Vermittler oder über Portale wie La-Palma.Travel vermarktet — für diesen Teil gilt der in Artikel 1 und 2 beschriebene Mechanismus nicht.
| Hinweis zur Methodik: Der folgende Anteil — wie viel des Gesamtumsatzes über internationale Plattformen wie Booking.com oder Airbnb läuft — ist eine begründete Annahme, keine erhobene Zahl. Erste Branchenbeobachtungen auf den Kanarischen Inseln deuten auf einen hohen Anteil internationaler Plattformen bei Ferienvermietungen hin; ein Wert von 60–75 % ist plausibel, aber nicht amtlich belegt. Die Tabelle verwendet 70 % als Arbeitsannahme. |
| Größe | Wert (Annahme markiert) |
| Jahresumsatz Ferienvermietung La Palma | ≈ 19 – 20 Mio. € |
| Anteil über internationale Plattformen (Annahme) | ≈ 70 % |
| Umsatz über internationale Plattformen | ≈ 13,3 – 14 Mio. € |
| Abfließender Anteil (Kommission + Genius-Effekt, 25–35 %) | ≈ 3,4 – 4,8 Mio. € / Jahr |
Selbst am unteren Rand dieser Spanne sind das knapp 3,4 Millionen Euro im Jahr, die La Palma über Kommissionen und plattformfinanzierte Rabatte verlässt — Geld, das durch echte Gästeaufenthalte auf der Insel erzeugt wurde, aber nie hier ankommt. Am oberen Rand sind es fast 4,8 Millionen Euro.
Diese Zahl ist bewusst vorsichtig gerechnet: Sie basiert auf einem einzigen Referenzmonat, einer vereinfachten Hochrechnung und einer offen ausgewiesenen Annahme zum Plattformanteil. Eine genauere Berechnung würde Saisonalität, AirDNA-Buchungsdaten und eine direkte Befragung lokaler Vermittler einbeziehen — die Größenordnung von mehreren Millionen Euro jährlich dürfte sich dadurch aber nicht grundlegend verändern.
Was dieses Geld stattdessen hätte bewirken können
Eine Zahl wie „3,4 bis 4,8 Millionen Euro“ bleibt abstrakt, solange man sie nicht in etwas Greifbares übersetzt. Ein paar Beispiele, bewusst illustrativ — sie sollen eine Größenordnung fühlbar machen, keine konkrete Ausgabenplanung ersetzen:
- Mehrere zusätzliche internationale Messeauftritte und Marketingkampagnen pro Jahr, die La Palma sichtbarer machen würden — finanziert aus Geld, das sonst in Amsterdam verbleibt.
- Dutzende Fincas oder Kleinbetriebe, die touristisch eingebunden werden könnten, wenn ein Teil dieser Wertschöpfung lokal bliebe.
- Tausende Bäume, die mit einem Betrag dieser Größenordnung gepflanzt werden könnten — nicht als Symbolpolitik, sondern als Maß dafür, wie viel reale Wirtschaftskraft hier jedes Jahr verloren geht.
Diese Beispiele sind bewusst plakativ. Der Punkt ist nicht, dass die Insel das Geld für genau diese Dinge ausgeben sollte. Der Punkt ist: Geld, das die Insel verlässt, kann grundsätzlich keines davon mehr finanzieren.
Warum das kein Vermieter-Problem ist, sondern ein Insel-Problem
Bei den ersten drei Artikeln dieser Serie ließe sich noch einwenden: Das betrifft doch nur einzelne Eigentümer, die ihre Preise nicht im Griff haben. Auf Inselebene verschiebt sich die Perspektive.
Jeder Euro, der über eine internationale Plattform abfließt, fehlt nicht nur dem einzelnen Vermieter. Er fehlt dem Handwerker, der das Haus instand hält. Dem Supermarkt, in dem die Gäste einkaufen würden, wenn der Vermieter selbst noch Budget für lokale Empfehlungen hätte. Dem Restaurant, das der lokale Vermittler aus Artikel 3 empfohlen hätte — wenn er noch im Buchungsprozess gewesen wäre.
Das ist der Unterschied zwischen einer Insel, die von ihrem Tourismus lebt, und einer Insel, die ihren Tourismus an ein Buchungssystem verliert, das wirtschaftlich woanders verankert ist.
| „Tourismuseinnahmen, die die Region nicht wieder verlassen, sind der Unterschied zwischen einer Destination, die wächst, und einer Destination, die nur verwaltet wird.‘ — aus der Diskussion um regionale Wertschöpfungsketten im Tourismus |
Was das für dich als Eigentümer bedeutet
- Jede Buchung, die du über internationale Plattformen statt direkt oder über lokale Kanäle abwickelst, ist nicht nur ein persönlicher Einnahmeverlust — sie ist ein winziger Beitrag zu diesem Gesamteffekt.
- Du kannst diesen Mechanismus nicht allein umkehren. Aber du kannst entscheiden, auf welcher Seite der Rechnung dein eigenes Objekt steht.
- Je mehr Eigentümer auf La Palma diesen Zusammenhang verstehen, desto eher verändert sich das große Bild — nicht durch eine einzelne Entscheidung, sondern durch viele.
Ist dir bewusst, wie viel von deinem Umsatz tatsächlich auf der Insel bleibt — oder hast du nur den Betrag im Blick, den der Gast bezahlt?
Teil 4 einer Serie von 6 Artikeln. Im nächsten Teil: das Modell, das funktioniert — wie ein Buchungssystem aussieht, das das Geld auf der Insel hält.
